VIII. Anarchie und Chaos

Fast ein Uhr nachts. Wo wollen diese Kinder bloß hin? Frank und ich fahren mit großem Abstand und mit ausgeschaltetem Licht hinter den Typen her. Noch sind sie gut sichtbar auf dem Gehweg, noch ist alles in Ordnung. Wir dürfen sie auf keinen Fall aus den Augen verlieren! Sonst bringen sie noch jemanden um. Das weiß ich. Alles eine Sache der Erfahrung. Ich hab meinem Partner schon die Situation geschildert.

          Was, wenn du dich irrst?

          Vertrau mir Frank. Hab ich mich schon mal geirrt? Und außerdem gehen wir nur sicher. Das sollte jeder Polizist tun. Dann gäbe es in dieser miesen Stadt auch mal ruhige Tage.

          Wie lange willst du denn hinter ihnen hergondeln?

          Bis ich sicher bin, dass nichts mehr passieren wird.

Frank vertraut mir. Wo kämen Kollegen auch sonst hin? Wir beide respektieren uns, haben unsere Arbeitsstile vier Jahre lang aufeinander abgestimmt. Frank weiß, wann ich Recht habe. Alles eine Sache des Vertrauens.

Wir fahren von Laternenlicht zu Laternenlicht. Ein beeindruckendes Schauspiel in einer sonst so trostlosen Stadt wie dieser. Lila und grau gestrichene Granithäuser reihen sich aneinander, besprüht mit tonnenweise Graffiti von kleinen Jugendgangs. Die Graffitis leuchten im Dunkeln. Die bestreichen die Wände mit fluoreszierender Farbe, um diesen Effekt zu erzielen. Das gibt der Stadt ein seltsames und unnatürliches Aussehen. Die Häuser besitzen kaum Fenster, und wenn, dann sind sie unordentlich aneinander gequetscht. Ohne Stil. Ohne Sinn. Hässlich. Die Stadt ist eine einzige Mülltonne, ein Wunder das hier noch Leute leben. Ein Wunder, dass ich hier noch lebe. Ich würde sehr gerne von hier verschwinden, aber ich habe hier eine Verantwortung übernommen und kann sie nicht einfach von mir weisen. Ich habe es mir zum Ziel gesetzt, dass diese Stadt wieder in ordentliche Bahnen gerät. Und ich werde meinen Job hier so gut es geht beenden.

Verflucht! Schmerzen im Hlas! Ich knan kinen kalren Gdnkaen mher fsaesn. Ich burach das Smchrzemettil. Wo ist es? Aus mnieer Hnseotshcae hloe ich die Punackg, dürkce enie Kpseal aus und stkcee sie mir in den Mnud.

Verfluchter Mist! Das war knapp. Als ich wieder vollständig bei Bewusstsein bin, versuche ich das Geschehene zu rekapitulieren. Der Wagen ist ausgegangen, ich habe scharf gebremst. Frank hat das Lenkrad mit einer Hand festgehalten, damit wir nicht von der Straße abkommen. Er hält es noch immer. Das hätte schlimm enden können. Ich habe diese Beschwerden schon seit langem. Ein kleiner Nebeneffekt, der durch die ganzen Schmerzmittel hervorgerufen wird, die ich häufig in mich hineinkippe. Ironischerweise sind diese Tabletten auch die einzige Möglichkeit, den Nebeneffekt wieder zu beheben. Verdammt, ich stehe unter Drogen. Und das sind die Entzugserscheinungen. Frank redet die ganze Zeit auf mich ein.

          Hey, hörst du mich? HÖRST DU MICH? Mann! Was ist los mit dir! Wir brechen das ab und fahren ins Krankenhaus.

          Was abbrechen?

Ach, das habe ich ja ganz vergessen. Wo sind die Kinder? Einer von ihnen ist noch auf dem Gehweg und schaut in unsere Richtung. Die haben uns entdeckt. Wir waren zu laut. Ich hab´s vermasselt. Er verschwindet in einer der vielen dunklen Gassen der Stadt. Die Gassen, die man als Bürger besser meiden sollte. Es sei denn, man hat Interesse an Drogen, Vergewaltigung und Mord. Es sind viele Leichen dort verborgen, ich sorge dafür, dass es nicht mehr werden. Ich steige aus dem Auto und gehe zur Gasse, während Frank mir verdutzt folgt. Mir ist schwindlig und ich habe Schwierigkeiten, gerade zu laufen. Ist egal.

          Was machst du denn? Bist du verrückt? Du kannst ja kaum laufen, du musst ins Krankenhaus. Bleib stehen!

Er versucht mich festzuhalten.

          Hör zu, ich werde das jetzt zu Ende bringen. Hilf mir bitte dabei.

          Wobei helfen? Die haben nichts Schlimmes gemacht. Es wird auch nichts mehr passieren. Glaub mir!

          Nur dieses eine Mal, okay? Bitte.

Gott sei dank. Sieht so aus, als ob er es sich noch mal überlegt. Sein entrüstetes, künstliches Lachen beweist, dass ich recht habe. Er war noch nie konsequent.

          Na schön. Gehen wir. Was ist mit dem Wagen? Lassen wir den hier stehen.

          Lass ihn, es wird nicht lange dauern. Gehen wir. Hoffen wir, dass sie nicht weit gekommen sind...

2.5.08 12:13

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