VI. Verlorene Kunst

Geilomat, schon fünf Minuten sitze ich an dem Teil? Wie weit bin ich denn?

Acht Zeilen habe ich schon, das ein oder andere Wort fehlt mir zwar, aber das ist egal, dazu komme ich noch. Mir fehlen jetzt nur noch zwei Terzette und dann kann ich es als Sonett verkaufen.

All die anderen feinen Expressionisten machen es ja auch so. Wieso sollte ich da auch abweichen? Immerhin kann man mit so was schnell und leicht berühmt werden, wenn man weiß, wie man es verkauft. Es ist auch nicht sonderlich viel dabei: 2 Quartette, 2 Terzette, ein bisschen dunkle Farbsymbolik hier, ein bisschen Enjambement da. Man muss alles schön düster gestalten, vielleicht noch das Stadtmotiv verwenden. Man kann wirklich schreiben, was man will. Wenn man es nur etwas verschlüsselt darstellt, so als ob man sich tatsächlich was dabei gedacht hat, dann werden die Leser total ausflippen. "Geilomat", werden sie sagen.

Ein Glück nur, dass keiner weiß, dass ich mir eigentlich nichts denke, während ich so was schreibe. Es geht nur um Prestige und Werbung, und solche kleinen Gedichte sind wirklich das perfekte Hilfsmittel. Der Leser erwartet keine Spannung, keine Action, keinen Humor oder Dramatik. Damit kann man es sich als Schreiber richtig billig machen, da man den Leser bzw. Rezipienten ja nicht unterhalten muss. Es geht den Lesern einfach nur um . . . naja keine Ahnung, was die an Gedichten so toll finden. Ist mir auch furzegal. Die Leute wissen nicht, dass ich keine Ahnung habe und das wird auch so bleiben!

                                                                                                                                         

Oh Mann, was für ein Albtraum es wohl wäre, wenn man meine Gedanken lesen könnte. Dann würde sie vermutlich noch irgendein Nichtskönner auf seinen Internet-Blog stellen und daraus vielleicht sogar noch Kurzgeschichten machen. Ich glaubs ja. Mich schüttelt es bei so einem absurden Gedanken.

So, genug gedanklich abgedriftet. Was mache ich jetzt? Ich glaube, ich mache es mir richtig billig und zähle einfach einige, … gefährlich klingende substantivierte Verben auf. Geilomat, das ist genial. Die Worte springen mir geradezu auf die Tastatur. "Donnern, Tosen, Brausen, Schmettern, /Schlagen, Spinnen, Toben," . . . was reimt sich auf "Schmettern"? Hmm, naja, nehme ich halt einfach "Blättern". Ist ja nicht meine Aufgabe, den Quatsch, den ich hier schreibe zu verstehen. Ich darf auch den Jambus nicht aus den Augen verlieren, obwohl es auch keine Sau interessieren würde, ob ich den nun weglasse oder nicht. Ist ja Expressionismus. Den dritten Vers der dritten Strophe mache ich mal anders. Der soll sich nicht reimen. Stattdessen mache ich da einfach nur drei Begriffe hin und wandle das letzte Wort etwas ab im Vergleich zu den anderen: "Brechen, Sterben, Tränenflut." Haha. Geilomat.

          Dad, ich geh los.

          HARRY, STÖR MICH NICHT, VERDAMMT!

Dummes Riesenbaby. 2 Meter groß und nichts in der Birne. Das nennt sich heutzutage Sohn. Er schmettert die Tür zu wie ein hirnloser Schimpanse. Wo er sich den ganzen Tag herumtreibt, weiß ich nicht. Ist mir auch furzegal.

                                                                                                                                    

So, letzte Strophe:

"Hauen, Weinen, Metzeln, Stehlen,/Kauern, Brennen, Stürmen," . . . Behlen, Cehlen, Dehlen, Fehlen. Verdammt, was reimt sich auf Stehlen? Ah, ich habs. "Pfählen". Ja, ich glaube so ein Wort gibt es.

So, letzter Vers. Ich glaube es wäre cool, wenn ich den einfach auf den letzten Vers der dritten Strophe reimen würde. Das wäre sogar erstrebenswert. Mann, bin ich ein Genie!

"Töten, Stechen, ……böses Blut."

                                                                                                                                

Geilomat, ich habe es geschafft! 10 Minuten aktive Arbeit. Dabei ist ein wirklich tiefschürfendes und emotionales Gedicht entstanden. Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen. Jetzt setz ich noch meinen Namen drunter und alles ist geritzt. – Gustav Schumann. 

Ich werde das gleich mal der Zeitungsredaktion schicken. Die werden es sofort mit offenen Armen und freundlichem Lächeln empfangen und ich werde wieder in aller Munde sein. In ein paar Wochen geht endlich wieder eine meiner Shows auf Sendung. Das heißt, ich brauche mir keine einfallslosen Gedichte mehr aus den Fingern zu saugen. Meine Werbetrommel hat sich zur Genüge gerührt. Das Leben eines reichen, prominenten, gut aussehenden und genialen Schnösels wie mir ist wirklich wie der Zuckerguss an der Oberfläche. So etwas ist nur in Jisery möglich. Geilomat.

6.3.08 18:01

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